Wenn alles richtig sein muss – warum Perfektionismus Sprache hemmen kann
Es gibt Menschen, die wissen genau, was sie sagen möchten. Die Gedanken sind klar, die Worte eigentlich da – und doch kommen sie nicht heraus. Oder nur zögerlich, leise, abgebremst. Nicht, weil Sprache fehlt. Sondern weil sie zu genau beobachtet wird.
Perfektionismus wirkt auf den ersten Blick wie eine Stärke. Er steht für Sorgfalt, für Verantwortungsbewusstsein, für den Wunsch, es gut zu machen. Doch gerade im Bereich von Sprache und Stimme kann dieser innere Anspruch zu einer leisen Bremse werden.
Wenn der Anspruch lauter ist als die Stimme
Sprache braucht Bewegung. Sie entsteht im Fluss – im Atem, im Rhythmus, im spontanen Ausdruck. Perfektionismus hingegen hält an. Er kontrolliert, bewertet, korrigiert noch bevor ein Wort den Mund verlässt. Menschen mit einem hohen inneren Anspruch hören sich oft selbst zu genau zu. Sie prüfen jeden Laut, jede Formulierung, jede Reaktion ihres Gegenübers. Die Folge: Der Körper spannt sich an. Der Atem wird flacher. Die Stimme verliert an Freiheit.
Besonders Kinder erleben das, wenn sie das Gefühl haben, „richtig“ sprechen zu müssen. Aber auch Erwachsene kennen diesen inneren Druck – etwa nach sprachlichen Erkrankungen, in beruflichen Kontexten oder in emotional bedeutsamen Gesprächen. Sprache wird dann nicht mehr als Ausdruck erlebt, sondern als Leistung.
Die Angst vor dem Fehler
Perfektionismus ist oft eng mit der Angst verbunden, etwas falsch zu machen. Ein falsches Wort, ein Versprecher, eine Pause zu viel – all das wird innerlich überbewertet. Doch Sprache lebt von Unvollkommenheit. Sie darf stocken, suchen, sich neu sortieren. Wenn diese Freiheit fehlt, kann Sprache blockieren. Worte bleiben stecken, Sätze brechen ab, die Stimme klingt unsicher oder gepresst.
In der logopädischen Arbeit begegnen mir Menschen, die gelernt haben, lieber gar nichts zu sagen, als etwas Unperfektes. Die Zurückhaltung schützt – und kostet zugleich Ausdruck.
Wenn Kontrolle den Atem anhält
Perfektionismus wirkt nicht nur im Kopf. Er zeigt sich auch im Körper. Ein kontrollierter Atem, ein fester Kiefer, gespannte Schultern – all das beeinflusst Stimme und Sprache unmittelbar. Wo Kontrolle herrscht, fehlt oft die Verbindung zum eigenen Empfinden. Sprache wird geplant, statt gespürt.
Doch erst, wenn der Atem wieder fließen darf, entsteht Raum für Klang, für Variation, für Lebendigkeit. Gerade hier setzt Therapie an: nicht mit dem Ziel, „fehlerfrei“ zu sprechen, sondern mit der Einladung, wieder in Kontakt zu kommen – mit dem eigenen Tempo, der eigenen Stimme, dem eigenen Ausdruck.
Therapie heißt, Unvollkommenheit zu erlauben
Ein wichtiger Schritt in der Therapie ist es, den Anspruch sanft zu hinterfragen. Was passiert, wenn ein Laut nicht perfekt ist? Wenn ein Wort Zeit braucht? Wenn ein Satz anders klingt als gedacht?
Oft entsteht genau in diesen Momenten etwas Neues: Entspannung. Erleichterung. Mut. Sprache darf sich wieder bewegen, wenn sie nicht mehr bewertet wird. Manchmal beginnt das mit einem absichtlichen „falschen“ Laut, einem spielerischen Übertreiben, einem Lachen über das Ungeplante. Nicht als Übung, sondern als Erfahrung: Ich darf so sprechen, wie es gerade möglich ist.
Wenn Sprache wieder frei werden darf
Wenn der Druck nachlässt, verändert sich etwas Grundlegendes. Die Stimme wird tragfähiger. Der Atem tiefer. Der Ausdruck echter.
Menschen berichten dann nicht selten, dass sich Gespräche leichter anfühlen – nicht, weil alles perfekt läuft, sondern weil sie sich weniger zurückhalten. Sprache findet ihren Weg, wenn sie nicht kontrolliert, sondern begleitet wird. Perfektionismus will schützen. Doch Sprache braucht Vertrauen. Vertrauen in den eigenen Körper, in den Moment, in die Beziehung zum Gegenüber.
Therapie kann ein Raum sein, in dem dieses Vertrauen wachsen darf. Schritt für Schritt. Wort für Wort. Nicht perfekt – aber lebendig.
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