Das Kind, das anders lernt – und warum das kein Defizit ist
Jedes Kind lernt – auf seine ganz eigene Weise.
Manche sprechen früh, andere spät. Manche lernen durch Hören, andere durch Sehen, Wiederholen, Ausprobieren oder Bewegung.Und doch leben wir in einer Welt, in der es oft nur eine richtige Art zu lernen zu geben scheint: linear, planbar, messbar.
Wenn ein Kind da nicht hineinpasst, bekommt es schnell den Stempel „verzögert“ oder „auffällig“. Doch was wäre, wenn wir diesen Blick verändern? Wenn wir sehen, dass Anderslernen kein Mangel ist, sondern eine andere Form von Entwicklung?
Kinder sind keine Kopien
In meiner therapeutischen Arbeit begegne ich täglich Kindern, die mit viel Neugier, Fantasie und Ausdauer versuchen, Sprache zu entdecken. Aber sie tun es anders. Manche brauchen mehr Zeit, andere mehr Bewegung oder Struktur, wieder andere vor allem Sicherheit.
Diese Unterschiedlichkeit ist kein Fehler – sie ist Ausdruck von Persönlichkeit. Denn Kinder sind keine Kopien. Sie bringen ihre eigene Geschichte, Wahrnehmung und Art zu verstehen mit. Unsere Aufgabe ist es nicht, sie in ein Raster zu pressen, sondern das Raster zu weiten.
Wenn Lernen Beziehung braucht
Lernen geschieht nie im luftleeren Raum. Es entsteht dort, wo sich ein Kind sicher fühlt – gesehen, angenommen, verstanden. Erst dann kann es Neues wagen. Kinder, die sprachlich oder motorisch „anders“ lernen, brauchen häufig mehr Raum für Vertrauen. Sie spüren sofort, ob jemand Druck macht oder sie wirklich begleitet.
In der Therapie heißt das: Ich begegne dem Kind nicht mit einem Plan, sondern mit Aufmerksamkeit. Was braucht es heute? Bewegung? Struktur? Nähe? Humor? So entsteht Lernen nicht durch Wiederholung allein, sondern durch Beziehung.
Fehler sind Schritte, keine Stolpersteine
Viele Eltern sorgen sich, wenn ihr Kind anders lernt oder spricht. Sie vergleichen, lesen Tabellen, zählen Wörter. Aber Entwicklung verläuft nie in gerader Linie. Sie ist ein Mosaik aus Fortschritten, Pausen, Rückschritten und plötzlichen Sprüngen.
Wenn ein Kind einen Laut nicht bildet, eine Geste nutzt oder lieber zeigt als spricht, dann kommuniziert es trotzdem – auf seine Weise. Und genau das ist der Punkt: Anderslernen ist immer noch Lernen. In der Logopädie geht es darum, diese kleinen Signale zu sehen und wertzuschätzen. Aus ihnen wächst Selbstvertrauen – und daraus wiederum Sprache.
Therapie bedeutet Mutmachen
Therapie ist kein Reparaturbetrieb. Sie ist Begleitung, Stärkung, Ermutigung. Kinder spüren, wenn sie nicht nur korrigiert, sondern verstanden werden. Wenn ihre Art, zu lernen, angenommen wird, öffnen sie sich. Ich werde verstanden. Ich bin gemeint.
Dann wird Übung zu Spiel, Sprache zu Entdeckung, Fehler zu Erfahrung. Und das Kind begreift: Ich kann. Ich darf. Ich bin richtig so.
Ein anderer Blick verändert alles
Wenn wir aufhören, Unterschiede als Defizite zu sehen, entsteht Raum für Vielfalt. Sprache, Bewegung, Denken – all das sind individuelle Ausdrucksformen. Ein Kind, das anders lernt, lehrt uns oft mehr über Geduld, Kreativität und Beziehung, als jedes Lehrbuch es könnte.
Es erinnert uns daran, dass Entwicklung kein Wettlauf ist, sondern ein Weg. Und dass jeder Weg – so unterschiedlich er auch verläuft – zum Ziel führen kann.
Bilderquelle: U. J. Alexander - stock.adobe.com
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